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Ich stehe in der Küche. Das Radio dudelt und während ich hingebungsvoll duftende Pfefferkörner in meinem Mörser zerkleinere, höre ich … Euro-Krise… Schuldenflut… Inflations-Angst… das Gespenst der Zahlungsunfähigkeit geht um… Ich habe innerlich bereits auf Durchzug geschaltet, da reißt mich eine kleine, spitze Frage aus meiner Lethargie: „Ist denn unser Geld überhaupt noch sicher?“ ruft der Sprecher verzweifelt in den Äther, und ich meine ihn sogar noch ein paar Mal schlucken zu hören. Doch eine Antwort ist offenbar nicht vorgesehen, und während leise eine traurige Sinfonie einsetzt, kommt mir plötzlich eine verwegene Idee: Wenn Dollars, Euros, Yuans und wie sie alle heißen doch ganz offensichtlich nicht mehr funktionieren, läge es da nicht nahe, zu den Ursprüngen des Handels zurückkehren und den Tauschhandel wieder einzuführen? Schließlich hat der früher prima funktioniert, warum also nicht auch heute. Okay, okay, die Welt ist in einem großen globalisierten Durcheinander. Aber müsste das nicht in den Griff zu kriegen sein, wenn man logischerweise auch das Tauschmittel globalisiert? Früher oder später wird das doch sowieso kommen…
Nicht mehr mit Münzen und Scheinen bezahlen zu müssen – irgendwie finde ich Gefallen an dieser Vorstellung und ich überlege, was man stattdessen nehmen könnte. Es müsste gut in der Hand liegen, am besten auch noch gut riechen…. Ja, genau, warum eigentlich nicht: Pfeffer! Er ist nicht nur klein und handlich, sondern hat sich ja tatsächlich schon mal als Geldmittel bewährt. Kaum vorstellbar, aber in der boomenden Handelswelt des mittelalterlichen Europa soll er eine Weile sogar als die stabilere Währung als Geld betrachtet worden sein. Es ist auch wirklich unglaublich, was da alles mit Pfeffer bezahlt wurde: Soldaten in Genua belohnte man für ihren Kriegseinsatz mit einem ganzen Kilo des kostbaren Stoffs, und in Frankreich konnte sich ein Sklave mit einem halben Kilo tatsächlich die Freiheit erkaufen. In England entrichtete man mit Pfeffer derweil die „pepper rent“, also den Pachtzins. Berechnet wurde er auf Basis des Preises eines halben Kilos Pfeffer pro Jahr – damals eine horrende Summe und freilich nur den Superreichen vorbehalten. Als Bezeichnung für eben jene entstand in Deutschland prompt die nicht eben liebevolle Bezeichnung “Pfeffersack”.
Kurz: Pfeffer war damals buchstäblich gleichbedeutend mit Geld. Und es geschah, was nach der Logik des Geldes zwangsläufig geschehen musste: Der Pfefferpreis stieg in exorbitante Höhen. Den bestimmten übrigens nicht die Bewohner seines Herkunftslandes, die Inder, sondern die kaufmännisch etwas gewiefteren Araber. Die waren sogar dermaßen gewieft, dass sie versuchten, den Herkunftsort der kostbaren Ware, das indische Kerala, geheim zu halten. So verbreiteten sie kurzerhand das Gerücht, Pfefferkörner seien die raren Früchte eines äußerst seltenen Baumes, der in einem kleinen Randgebiet des südlichen Kaukasus wachse. Geerntet werden könne leider, leider nur während einiger weniger Tage im Hochsommer, und an die Bäume sei auch nur unter Lebensgefahr heranzukommen, da sie von hochgiftigen Schlangen umgeben seien…
Ließen sich die westlichen Händler von solchen Märchen beeindrucken? Pustekuchen. Es gelang ihnen sogar, das Pfeffer-Monopol allmählich nach Italien zu verlagern und den Pfefferverbrauch trotz des hohen Preises so sehr anzukurbeln, dass Pfeffer zum typischsten europäischen Gewürz wurde. Ein Ende setzte dem erst der Aufstieg der französischen Küche im 17. Jahrhundert, als mildere Gewürze den Pfeffer ersetzen und die Nachfrage so sehr zurückging, dass auch sein Preis drastisch sank.
Heute freilich befinden wir uns durch die zunehmende Rückbesinnung vieler Menschen auf hochqualitative und möglichst naturbelassene Nahrungsmittel in der glücklichen Situation, selber entscheiden und auswählen zu können, was wir bevorzugen: entweder den Pfeffer aus dem Supermarkt, der zweifellos günstig, doch auch über jeden Verdacht erhaben ist, außergewöhnliche Geschmackserlebnisse zu verschaffen. Oder aber eben die liebevoll gehegten Kleinode und Raritäten unter den Pfeffern, die zwar ganz bestimmt nicht als globales Tauschmittel geeignet sind, dafür aber garantiert immer wieder neue und ungeahnte Geschmacksexplosionen in Gaumen, Hirn und Herz auslösen. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Informationen zu Anbau und Geschichte und fragen Sie Ihren Fachhändler und Spezialisten.
veröffentlicht: 2010/06/30
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